Erläuterungen zur Baugeschichte und zur denkmalpflegerischen Sanierung des Amtshauses in Annaburg

1. Einführende Erläuterungen

Im Denkmalverzeichnis des Landes Sachsen-Anhalt wird das Amtshaus von Annaburg, ursprünglich Schösserei genannt, im Zusammenhang mit den Amtshäusern in Seyda und Schweinitz als bedeutendster Fachwerkbau im Osten Sachsen-Anhalts bezeichnet. Als wir mit Professor Milde 1992 von der Stadtverwaltung Annaburg den Auftrag erhielten, die Planung der denkmalpflegerischen Sanierung dieses Gebäudes vorzunehmen, war uns bewußt, daß dies kein gewöhnlicher Auftrag für einen Architekten der Denkmalpflege ist, sondern ein Auftrag, der sehr viel Fingerspitzengefühl und Engagement erfordert.
Es kommt bei einem derartigen Bau mit zahlreichen, zunächst verborgenen, teilweise hinter Verkleidungen und Putzschichten liegenden historischen Befunden darauf an, diese aufzuspüren, aus den vielen Einzelerkenntnissen das ursprüngliche Bild des Hauses wieder zu entwickeln und dann abzuwägen, wie die historischen Werte wieder sichtbar gemacht werden können, um sie im Zusammenhang mit der neuen Nutzungskonzeption und den neuen Anforderungen der Technik für das kulturelle Leben unserer Zeit sichtbar und erlebbar zu machen. Dabei geht es nicht darum, einen einzigen Urzustand wieder herzustellen, sondern aus der Entwicklung des Hauses die über die Jahrhunderte vorgenommenen Veränderungen in das Gesamtkonzept einzubeziehen.
Das führte dazu, daß wir beim Amtshaus neben den Hauptelementen der Renaissance Elemente des Barock, des Historizismus und des Jugendstils in einem Gebäude vereint finden.

Das Amtshaus ist ein Bau der deutschen Renaissance, der Bauepoche, die den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit mit dem Humanismus, der wissenschaftlichen Forschung und Entwicklung dokumentiert.

Diese Bauepoche ist in Deutschland ganz besonders mit bedeutenden historischen Ereignissen verbunden, die mit der Reformation und Luther in der Wittenberger Region ihren Ausgang gehabt haben.

Die Pflege und Erhaltung dieses Erbes genießt eine immer stärkere weltweite Wertschätzung und sollte deshalb trotz mancher aktueller Schwierigkeiten nicht aus dem Auge verloren werden.
Wir gehen damit mit den Bestrebungen in vielen europäischen Ländern und Landschaften konform, da diese Bauepoche ausgehend von Italien nach und nach ganz Europa ergriffen hat. Deshalb sind die wenigen Beispiele in diesem Raum von besonderer Bedeutung.

Das Amtshaus in Annaburg entstand in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Schloßneubau durch den sächsischen Kurfürsten August I. in den Jahren 1572 bis 1575. Baumeister und Bauintendant des Schloßbaus waren Christoph Tendler und Wolf von Kanitz.

Der erste deutsche Renaissance-Bau ist der Schönhof in Görlitz und wurde 1526 erbaut.

Will man ein derartig in die Geschichte eingebundenes Haus, das im Laufe von vier Jahrhunderten zahlreiche Umbauten und auch Entstellungen über sich ergehen lassen mußte sanieren, so wäre es gut eine möglichst lückenlose Chronik mit allen zeichnerischenUnterlagen zu besitzen.
Das ist beim Amtshaus in Annaburg leider nicht der Fall. In den Archiven in Magdeburg, Wernigerode und Dresden gibt es eine riesige Fülle von Material, besonders über das Schloß und die Nutzung der Annaburger Heide. Über das Amtshaus sind außer der bekannten Zeichnung von Dilich und einigen ungenauen Lageplänen keine zeichnerischen Unterlagen mehr vorhanden.
Dagegen befinden sich als schriftliche Befunde zahlreiche Inventarverzeichnisse über das Amtshaus im Staatsarchiv in Dresden, deren Auswertung durch Frau Dr. Laudel, Bauhistorikerin, uns im Zusammenhang mit den bauarchäologischen Untersuchungen vor Ort wertvolle Hinweise vermittelt hat.

Unsere Gesamtkenntnis über die Geschichte von Annaburg beruht vor allem auf der verdienstvollen Arbeit, die der Pfarrer und Schulinspektor des Militär-Knaben-Erziehungs-Instituts, Ernst Gründler, 1888, anläßlich der 150-Jahrfeier dieses Instituts zusammengetragen hat.

Über die Zeit, da Annaburg praktisch kursächsische Residenzstadt war, schreibt Gründler: "Noch einige Worte müssen wir dem Orte Annaburg widmen, soweit derselbe vom Hofleben mittel- oder unmittelbar berührt wurde. Die Anwesenheit des Hofes brachte den Einwohnern nicht nur manchen geschäftlichen Vorteil, sondern kam ihnen auch in anderer Weise zugute. Kurfürst und Kurfürstin nahmen persönlich von ihrem Ergehen Kenntnis und ließen es ... an der mannigfachen Bethätigung ihres Interesses nicht fehlen. Dies Interesse bewiesen sie auch nach dem Brande, bei welchem im Winter 1578/79 die Schösserei (das heutige Amtshaus) "dem Striche nach wie die zuvor erbauten Häuser am Platz in der Ordnung liegen, erbaut.""
Daraus ist zu entnehmen, daß das Amtshaus unmittelbar nach seiner Errichtung abbrannte und sofort in der ursprünglichen Form wieder aufgebaut worden ist.

2. Übersicht über die Etappen der baulichen Veränderungen

Die Form des ursprünglichen Baues ist uns durch die Zeichnung von Wilhelm Dilich (1571-1655), Architekt und Zeichner, überliefert. In den Jahren um 1628 hat Wilhelm Dilich sämtliche Städte und bedeutenden Orte im kursächsischen Raum in einer fast fotografisch genauen Form gezeichnet. Diese Zeichnungen sind in der Landesbibliothek Sachsen vollständig erhalten und bilden eine wichtige Grundlage für baugeschichtliche Untersuchungen.

Auf dieser Zeichnung kann man erkennen, daß das Amtshaus ursprünglich ein "Giebelhaus" war. Das heißt, an der Seite zum Markt waren drei Giebelausbauten, sogenannte Zwerchhäuser, vorhanden und die Giebelseiten selbst waren auch als direkte Giebel ausgebildet. In der Zeit des Barock ist das gesamte Dach in seinem Charakter vollständig verändert bzw. zu dem heute noch vorhandenen Barockdach als Walmdach mit den charakteristisch umlaufenden Hecht-Dachgaupen umgbaut worden.
Über die Gründe dieses Umbaus konnten noch keine historischen Belege gefunden werden.
Bei genauer Betrachtung der hölzernen Dachkonstruktion kann man noch die Spuren des ursprünglichen Zustandes in folgenden Merkmalen erkennen:

  • In jedem Dachstuhl wurden seit Beginn der Zimmermannskunst die Bindersäulen (Queraussteiffung des Daches) mit römischen Ziffern von I beginnend fortlaufend gekennzeichnet. Im Dachstuhl des Amtshauses beginnt die Bezeichnung mit der Säule II. Das heißt, daß die Bindersäule I, die im Giebel stand, mit dem Umbau zum Walmdach abgetragen worden ist.
  • Die Zapfenlöcher und Zwischenhölzer, auf denen die Zwerchhäuser gestanden haben, sind noch vorhanden.
  • Die historischen Tapeten der ursprünglichen Dachräume in den Zwerchhäusern sind an den beiden äußeren Zwerchhäusern noch teilweise vorhanden (ähnlich wie die im Schloß noch vorhandenen Fladern - Tapeten. Die Tatsache, daß die Tapeten in die später für das Walmdach vorgenommene Überblattung der Holzverbindung hineinreichen, zeigt, daß die Tapeten bereits vor dem Umbau des Daches am Balken gewesen sind.

Am Amtshaus in Seyda sind die stadtseitigen Zwerchhäuser noch in originaler Form erhalten.

Weiterhin zeigt die Dillich `sche Zeichnung, daß ursprünglich an der Marktseite ebenfalls ein Torbogen vorhanden war, wie der heute an der Hofseite wieder rekonstruierte Torbogen.

Die beiden Torbögen lassen darauf schließen, daß im ursprünglichen Bau eine Durchfahrt vorhanden gewesen ist.
Als noch existierendes Beispiel einer derartigen Durchfahrt kann man das Renaissance-Rathaus in Bad Schmiedeberg besichtigen.

Mit den Veränderungen im äußeren Bild sind in der Zeit des Barock auch Umbauten im Inneren des Gebäudes vorgenommen worden.

So ist aus den Inventarbeschreibungen von 1723 und 1769 zu erkennen, daß in diesem Zeitraum die ursprünglich sichtbaren Holzbalkendecken vermutlich aus Brandschutzgründen verschalt und verputzt, bzw. mit Stuck versehen worden sind.

Gleichzeitig ist der in Inventarverzeichnissen von 1612/1723 als "Große Stube", bzw. "Stube zur rechten Hand" bezeichnete Raum, in dem sich heute die Schalterhalle der Sparkasse befindet, durch zwei sich an der Säule kreuzenden Wände mit Lehm gemauert, unterteilt worden. Die heute mitten im Raum stehende Säule ist dabei so vollständig gemauert worden, daß sie erst bei den archäologischen Untersuchungen dieses Bereiches wieder entdeckt worden ist. Damit war gleichzeitig die Entscheidung verbunden, den Raum wieder in seiner ursprünglichen Form mit der sichtbaren Holzbalkendecke zu rekonstruieren.

Die Tatsache, daß die Säulenbasis 35 cm unter dem heutigen Fußboden liegt, läßt darauf schließen , daß der Fußboden in diesem Raum vor der Aufgabe der Durchfahrt um diesen Betrag tiefer gelegen hat.

Zur Klärung der Fundamentierung des Gebäudes ist in diesem Raum eine Schürfgrube bis zum Fundament angelegt worden. Dabei zeigt sich, daß vor dem uns bekannten Amtshaus an dieser Stelle noch ein älteres Gebäude gestanden hat, denn es war an den Pflasteransatzspuren und am Putz zu erkennen, daß bei diesem Vorgängerbau der Fußboden 1,62 m unter dem heutigen Fußboden lag.
Die gleiche Lage eines derartigen Vorgängerfußbodens ist in den Gewölberäumen im Anbau Holzdorfer Straße durch Schürfgruben festgestellt worden.

Auf der anderen Seite der Sparkasse, in den heutigen Beratungsräumen, wurden die geschlossen gestalteten Stuckdecken des Barock belassen. Durch zerstörungsfreie Untersuchungen wurde festgestellt, daß unter bzw. über den Stuckdecken ebenfalls wie im Schalterraum die originalen Holzbalkendecken liegen.

Entscheidende Veränderungen sind im gesamten Gebäude vorgenommen worden, als mit der Industriealisierung und der stark zunehmenden Bevölkerungszahl im 19. Jahrhundert das Amtshaus von einem Amtsgebäude schrittweise in ein reines Wohngebäude mit acht Wohnungen umgebaut worden ist. Bei diesen Umbauten sind zahlreiche Zwischenwände eingezogen worden, die Raumstrukturen wurden verändert, sämtliche Treppen wurden verändert und zusätzliche Treppen eingebaut und die Holzbalkendecken wurden weiter mit Putzdecken verkleidet, so daß der originale Zustand nur durch umfangreiche bauarchäologische Untersuchungen wiedergefunden werden konnte.
Der Grundrißzustand des Gebäudes als Wohngebäude ist einer Zeichnung dokumentiert.

3. Weitere Erläuterungen der denkmalpflegerischen Sanierungsmaßnahmen zu den einzelnen Räumen

3.1. Keller

Das Gebäude ist auf der linken Seite vom Markt aus mit Kreuzgewölben unterkellert. Die Scheitelhöhe beträgt jedoch nur ca. 2 Meter so daß die Nutzungsmöglichkeiten sehr stark eingeschränkt sind.
Bei sehr starken Niederschlägen kann das Grundwasser bis über das Kellerfußbodenniveau ansteigen.
Zur Trockenhaltung des Gebäudes wurde eine Elkinet-Elektroosmose-Anlage eingebaut.

3.2 Erdgeschoß

  • Eingangsloggia an der Markseite
    Die Eingangsloggia an der Marktseite besteht aus originalem Renaissance-Architekturelementen des sechseckigen Pavillons aus dem "Kräutergärtlein der Mutter Anna". An den Anschnitten der einzelnen Bauteile sind noch die Anschlußwinkel von 60 Grad des Sechseckbaus festzustellen.
    Die Sandsteinteile, die zum Teil mit Ölfarbe überdeckt und beschädigt waren, wurden durch Steinrestauratoren restauriert und im Materialzustand belassen.

    Dieser Einbau und die damit verbundene Aufgabe des runden Torbogens muß in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgt sein. Es war die Zeit der Wiederholung historischer Baustile, so daß hier das Kuriosum zu verzeichnen ist, daß Neorenaissance mit echter Renaissance gebaut worden ist.
    Bei der damit verbunden Freilegung einer Maueröffnung von 6 Metern Breite ist offensichtlich die erforderliche Abstützung des oberen Geschosses nicht ordnungsgemäß durchgeführt worden, so daß sich das gesamte Fachwerk einschließlich des Dachstuhles an dieser Stelle um ca. 10 cm gesenkt hat. Bei dieser Baumaßnahme sind offensichtlich auch die Unterzüge, die die Durchfahrtshalle überspannten angebrochen. Am deutlichsten ist das bei dem später durch eine Wand abgesttützten Unterzug in der oberen Treppenhalle zu sehen.
    Das bis zum Beginn der Sanierungsarbeiten im Bereich der Fachwerkwand keine ausreichende Sicherung vorhanden war, wurde im Dachgeschoß ein Oberzug aus drei verdübelten Balken eingezogen, der die Lasten über den zarten Sandsteinelementen des ehemaligen Pavillons auf die starken seitlichen Flankenmauern der ehemaligen Durchfahrt überträgt. Die Deckenbalken wurden an diesem Oberzug angehangen. Durch entsprechendes Anziehen der Schrauben wurde die Loggia in dem erforderlichen Maße entlastet.
    Die dazu erforderlichen statischen Berechnungen wurden durch den Statiker der Ingenieurgruppe Hochbau Dresden, Dr. Richter durchgeführt.
    Von dem sechseckigen Pavillon wurden für die Loggia nur 4 Seiten benötigt. Die beiden nicht eingebauten Postamente standen in einem Garten in Annaburg und befinden sich zur Zeit nach einer restauratorischen Behandlung in den Gewölberäumen an der Holzdorfer Straße.

    Die originale Farbigkeit der Loggia wurde einschließlich der seitlichen Wandbilder in Originalzustand restauriert. Die beiden kleinen Wandbilder waren in der Bildfläche vollständig zerstört, so daß nur die Rahmen restauriert werden konnten.

  • Eingangsraum zur Sparkasse
    Dieser Raum ist erst mit dem Einbau der Loggia entstanden. Der im Schalterraum sichtbare Unterzug ging ursprünglich bis in diesen Raum durch (erkennbar an den Einkämmungen in den Deckenbalken).
    Die alte Eingangstür aus dem 19. Jahrhundert mußte aufgrund der neuen funktionellen Anforderungen durch eine entsprechend eingepaßte automatische Tür ersetzt werden. Die weiterführende Tür in die Erdgeschoßhalle ist die originale restaurierte Jugendstiltür (um 1900). Das Originaloberlicht einer durch die Treppenrekonstruktion freigewordenen Tür an dieser Stelle wird weiterverwendet.

  • Schalterraum der Sparkasse
    (ehemals "Stube zur rechten Hand" oder "Große Stube")
    Dieser Raum war in seiner ursprünglichen Größe, die mit der Sanierung wieder hergestellt worden ist, ursprünglich ein Raum zum Essen und zum Feiern bei den großen Jagden in der Annaburger Heide (in den Inventarverzeichnissen dieser Zeit ist eine Ausstattung mit Tischen und Bänken angeführt). Er war ursprünglich mit einer Schwarzen Küche in den anschließenden Gewölberäumen verbunden.

    (Eine Schwarze Küche war eine Kochstelle, bei der der Rauch frei im Raum von einem großen Schornstein, der erst über dem Gewölbe dieses Raumes von einem großen Schornstein, der erst über dem Gewölbe dieses Raumes begann, abgesaugt wurde. Durch die relativ freie Verteilung des Rauches im Raum wurde dieser im Laufe der Zeit vollkommen schwarz, deshalb - Schwarze Küche.)

    Die freigelegte originale Sandsteinsäule in toskanischem Stil mit dem Eierstab-Kapitell konnte durch den Einbau eines Sichtschachtes an der Basis wieder voll erlebbar gemacht werden.
    Durch die Freilegung und Restaurierung der originalen Holzbalkendecke erhielt der Raum weitgehend sein ursprüngliches Aussehen zurück.

    In diesem Raum und in den Beratungsräumen auf der anderen Seite waren noch die originalen Fenster mit dem kleinen hervorgehobenen Lüftungsflügel mit Einfachverglasung vorhanden. Ein Versuch, diese Fenster aufzuarbeiten führte nicht zum Erfolg, da daß Holz zu stark versetzt war. Sie wurden deshalb einschließlich der handgeschmiedeten Beläge in originaler Form nachgebaut. Die erforderliche Wärmedämmung als neuzeitliches Fenster wurde durch die Kombination mit einem inneren Kastenfenster ohne Sprossenteilung erreicht. Ein altes Fenster wurde für museale Zwecke von der Farbe befreit und aufbewahrt. Dabei zeigte sich an den geschlossenen Auskerbungen, daß ursprünglich wie bei den kleineren Fenstern an der Holzdorfer Straße an der Marktseite ebenfalls eine Vergitterung vorhanden gewesen ist.

  • Sparkassenräume links des Einganges
    In den ersten beiden Räumen sind die originalen barocken Stuckdecken erhalten. In dem Raum, in dem sich der Tresor für die Privatkunden befindet, ist ein Renaissance-Türportal erhalten, wie es auch bei den Eingängen im Schloß Hartenstein in Torgau anzutreffen ist.
    Das Leiterinnenzimmer mit dem Kreuzgewölbe und dem Tonnengewölbe war ursprünglich eine zweite Schwarze Küche im Amtshaus. Der abführende Schornstein über dem Gewölbe ist noch vollständig bis zum Dach erhalten und kann auch durch eine Blechtür in der oberen Halle, die als Einstiegsöffnung für den Schornsteinfeger diente, besichtigt werden.
    Von diesem Raum der Schwarzen Küche aus, führte eine kleine separate Treppe auf die Hauptkellertreppe, die auf der linken Seite der Kellertreppe noch erhalten ist.

  • Eingangshalle des Erdgeschosses von der Hofseite aus
    Diese Eingangshalle zeigt nach der Rekonstuktion wieder die ursprüngliche Form der Durchfahrt auf gleicher Höhe mit dem Außenterrain. Der große Torbogen ist im Rahmen der Umnutzung als Wohngebäude teilweise zerstört und zugemauert worden. Die noch vorhandenen originalen Sandsteinelemente wurden bei der Rekonstruktion wieder eingebaut. Eines der alten Bogensegmente wurde im Bauschutt der vorgenommenen Auffüllung dieses Bereichs gefunden und ebenfalls mit eingebaut.
    Die Höhendifferenz zwischen der Höhe des alten Hallenfußbodens und der belassenen Höhe des marktseitigen Eingangsbereichs wurde durch eine neue Treppe gelöst.
    Die ursprüngliche alte Sandsteintreppe war durch den Umbau zu Wohnungen ebenfalls zerstört und durch eine gewendelte Holztreppe überbaut worden. Bei der Untersuchung zeigte sich, das von der originalen Steintreppe die oberen 5 Stufen in stark ausgetretener und beschädigter Form noch vorhanden waren, ebenfalls waren die im Mauerwerk steckenden Teile der Stufen noch vollständig vorhanden, so daß die gesamte Treppe im ursprünglichen Zustand rekonstruiert werden konnte.

3.3 Obergeschoß

  • Obere Halle
    In den historischen Inventarverzeichnissen wird diese Halle als Vorsaal bezeichnet - in den Verzeichnissen der Jahre 1612, 1723 und 1796 sind z.B. folgende Eintragungen zu finden:

    "
    - 5 Scheibenfenster
    - 1 Treppe nach dem Obergeschoß im Bretterverschlag mit Türe
    - eingeschobene Decke, gespundeter Fußboden,
    - 1 hohe viereckige Laterne aus Tafelglas an der Decke
    - 15 Tafeln mit eingeschlagenem Kurfürstl. Mandat.
    ".

    Wenn wir uns in diesem Raum umsehen, können wir statt der genannten 5 Fenster zunächst nur 3 Fenster erkennen. Wir sehen aber, daß unter dem gebrochenen Unterzug eine Zwischenwand eingebaut wurde, die nicht ursprünglich ist und nach den Inventarverzeichnissen erst nach 1796 eingebaut worden sein kann. Denken wir uns diese Wand weg, dann hat der Raum mit den 2 Fenstern dieses Raumes die genannten 5 Fenster.

    Die Zwischenwand haben wir nach vielfachen Erwägungen und Abstimmungen mit dem Landesamt für Denkmalpflege stehen lassen, da sie inzwischen auch schon historischen Wert erhalten hat. Zugleich erfüllt sie eine wichtige statische Funktion, indem sie den angebrochenen Unterzug abstützt.

    Die originale Blockstufentreppe war mit dem Umbau des gesamten Hauses als Wohnhaus in den Bereich des Laubenganges verlegt worden. Durch den Nachweis im Inventar und den Befund der Aussparungen an den Balken konnten wir sie restaurieren lassen und wieder am ursprünglichen Ort einbauen.
    Die Bretterverkleidung ist leider vollständig verloren gegangen, so daß wir sie in einer zurückhaltenden Form nachgestaltet haben.
    Die Tür haben wir verbunden mit einem Glasausguck nach oben verlegt.
    Durch eine entsprechende Intervallbeleuchtung hat man so die Möglichkeit einen Blick in den Bodenraum mit der alten Dachkonstruktion zu werfen, ohne daß dieser Raum betreten werden muß.
    Dabei hat man linkerhand eine originale Lehmwand im Blickfeld, die mit Ritzornamenten versehen ist. Auf der rechten Seite sieht man eine weitere originale Blockstufentreppe, die in die zweite Bodenebene führt.
    Im mittleren Teil sieht man den starken Oberzug zur Abfangung der Lasten über der Loggia.
    Von den Renaissancetüren waren an einigen Stellen nur noch die Abdrücke der Bekrönungen an der Wand vorhanden. Im einzelnen haben wir sie nach dem im Amtshaus in Seyda noch vorhandenen Vorbild nachgestaltet.

    Wichtige Aspekte für die denkmalpflegerische Erkundung haben wir auch durch die farbarchäologischen Untersuchungen erhalten, die durch Frau Schröder von der Bau- und Denkmal GmbH Dresden durchgeführt worden sind.

    In diesem Raum haben wir die blaue Quadermalerei, die einst an allen Wänden vorhanden war. Danach konnten wir die ursprüngliche Größe dieses Hallenteiles nach dem Einbau der Zwischenwand unter dem gebrochenem Unterzug ermitteln.

    Zur Dokumentation dieses wichtigen Ausmalungszustandes haben wir über der Tür neben der Bodentreppe ein Stück dieser Bemalung als sogenanntes archäologisches Fenster in die Rekonstruktion dieses Raumes einbezogen.
    Aus der chemischen Farbuntersuchung, die am Fachbereich Restaurierung der Hochschule für bildende Künste in Dresden vorgenommen wurde, wissen wir, daß es sich um ein künstlich hergestelltes Ultramarinblau handelt, das nicht vor 1830 hergestellt worden ist.
    So war es möglich, die ursprüngliche Größe dieses Raumes mit Sicherheit zu ermitteln.
    Das obere Treppengeländer der Haupttreppe war noch in originaler, stark verschlissener Form vorhanden. Drei der alten Geländerbretter konnten weiter verwendet werden, die übrigen wurden nach historischen Vorbild neu angefertigt.

    Ein schwieriges Problem war die Sicherung der erforderlichen Wärmedämmung in den oberen Fachwerkwänden, die im Originalzustand nicht gewährleistet war und im Laufe der Zeit durch unterschiedliche aber nicht erhaltenswerte Wandverstärkungen erreicht worden ist.
    Um durch die erforderliche Wärmedämmung die Fachwerkstruktur des Raumes nicht zu verlieren, wurde zunächst das vorhandene Fachwerk mti 6 cm starken Bohlen aufgedoppelt. Die Zwischenräume der Ausfachung wurden mit Wärmedämmputz in der gleichen Stärke ausgeführt. Damit ist eine angemessene Wärmedämmung gewährleistet.
    Um sichtbar zu machen, welche Teile des Fachwerks noch im Originalzustand sind, wurden diese in der originalen rotbraunen Farbe gestrichen. Die neuen Teile haben einen hellgrauen Anstrich erhalten.
    In den Büroräumen wurde der Wärmedämmputz aus Kostengründen über die gesamte Wand gezogen.


  • Räume des Museums
    Der Eingangsraum des Museums von der Halle aus zeigt, wie die Halle selbst, die originale unbemalte Holzbalkendecke mit den freiliegenden Balken und den eingeschobenen Füllungstafeln, die durch Stoßbretter rasterartig gegliedert sind.

    Der folgende große Raum des Museums, das sogenannte Bohlenzimmer, weist über etwa zwei Drittel des Raumes eine florale Bemalung auf, die nachträglich im Barock eingebracht worden ist. Diese Bemalung wurde in behutsamer Weise restauratorisch gesäubert und ausgebessert, so daß der originale Zustand weitgehend erhalten werden konnte.

    Die Tatsache, daß die Bemalung nicht den ganzen Raum erfaßt, zeigt, daß bereits in der Zeit des Barock an dieser Nahtstelle eine Zwischenwand vorhanden war.


    Die ursprüngliche Größe des Raumes konnte durch die obere Nut für die Befestigung der Holzbohlen ermittelt werden. Durch die spätere farbige Behandlung der Decke hatte sich auch das Pfofil und die originale Breite der Bohlen an den Randbalken abgezeichnet, so daß danach die Rekonstruktion dieser Raumausstattung erfolgen konnte.


  • Trauzimmer
    Der als Trauzimmer genutzte Raum stellt einen der interessantesten Räume des gesamten Hauses dar. Hier konnte eine vollständige farbige Renaissancefassung eines Raumes in originaler Form wieder gewonnen werden.
    Nach umfangreichen baugeschichtlichen Vergleichen hat sich gezeigt, daß diese Fassung das einzige noch existierende Beispiel dieser Art ist.
    Die Decke und die Wände sind in einer einheitlichen Farbfassung gestaltet.

    Vom Erhaltungszustand war es so, daß die Decke weitgehend im Originalzustand restauriert (Reinigung und Ausbesserung) werden konnte.
    Die farbliche Wandgestaltung war durch die mehrfachen Wandverstärkungen (der vorhandene Putz wurde angehackt und einschließlich des Fachwerkes neu überputzt) stark geschädigt, so daß die Wandgestaltung nach den vorhandenen Befunden neu angelegt werden konnte.
    Auf eine zusätzliche Wärmedämmung in diesem Raum wurde zu Gunsten der Erhaltung bzw. Rekonstruktion des Originalzustandes verzichtet.
    Dieser Zustand wurde durch die gewählte Nutzung als Trauzimmer mit relativ geringer Nutzungsfrequenz und einem entsprechenden speziellen Heizungssystem und Heizregime (Fußbodenheizung und gering bemessene Radiatoren mit relativ niedrigen Normaltemperaturen) kompensiert.
    Bei einer Nutzung des Raumes bei sehr niedrigen Außentemperaturen muß eine kurzzeitige Aufheizung durch zusätzliche Geräte erfolgen.

4. Außenfassade

Die Außenfassade des Gebäudes wurde nach den Originalbefunden auf der Grundlage einer farbarchäologischen Untersuchung neu angelegt. Aufgrund der hohen Versalzung des Mauerwerks im unteren Bereich wurde ein geeigneter Sanierputz verwendet.
Das Fachwerk wurde soweit wie möglich im Originalzustand belassen. Beschädigte und nicht mehr zu nutzende Teile wurden partiell durch neues Holz ersetzt. Bei genauem Hinsehen kann man deutlich die originalen und die neuen Teile erkennen.
Als Überraschung bei den Untersuchungen der alten Fassade stellte sich heraus, daß an den drei Außenseiten der Fassade am oberen Abschluß des Fachwerkes sich unter den späteren Überstreichungen ein sehr schöner aufgemalter Fries bzw. Taustab erhalten hat, der ebenfalls einmalig bei der farblichen Fachwerksgestaltung ist. Er wurde nach den erhaltenen Befunden neu aufgemalt. An der Seite Holzdorfer Straße wurde der Originalbefund ebenfalls ein Form eines archäologischen Fensters erhalten.

Bei der Neuorientierung für die Sanierung des Amtshauses haben Stadtverwaltung und Sparkasse sehr viel Verständnis für die vorhandene Raumstruktur aufgebracht und konstruktiv nach Nutzungen gesucht, die mit der historischen Struktur der vorwiegend großen Räume in Übereinstimmung zu bringen war.

Die Ermittlung der denkmalpflegerischen Befunde und die Planung einer neuen Nutzungskonzeption für unsere Zeit war die eine Seite. Ein anderes Problem ist es, diese Planung praktisch auszuführen.
Dabei waren oft ungewohnte und im normalen Bauen nur noch selten ausgeführte Arbeiten zu bewältigen.
Nachdem die Aufgabe gelöst ist, kann man sagen, daß die Handwerker und Handwerksmeister aus Annaburg und den anderen Orten hier mit großen Engagement gearbeitet und ihr Bestes gegeben haben. Es gab eine gute vertrauensvolle Zusammenarbeit. Alle haben sich bemüht, den Anforderungen an diese Aufgabe gerecht zu werden, so daß mit dieser Arbeit ein bedeutendes Stück kultureller Geschichte der Region wieder erschlossen werden konnte.

Wunsch der Architekten zur Einweihung des Hauses am 9. Juni 1995

Zur Einweihung dieses bemerkenswerten historischen Gebäudes möchten wir den Nutzern und der Stadt Annaburg wünschen, daß dieses Haus weitere Jahrhunderte von der Schöpferkraft, der Initiative und dem kulturellen Empfinden unserer Vorfahren künden soll, und uns Mut gibt, die Aufgaben der Zukunft mit Kultur, Verstand und Erfindergeist und einem adäquaten kulturellen Empfinden für unsere Zeit zu meistern.